Predigttext 2 Mose 32, 7–14

Liebe Gemeinde,

diese ganze Geschichte steht ja im Zusammenhang mit dem Goldenen Kalb. Das Volk hat sich am Fuße des Sinai dieses goldene Kalb gemacht und es auch angebetet, hat darüber Gott vergessen, und deshalb sind Gott und Moses selbst auch äußerst wütend geworden. Das ist natürlich für jeden Prediger wie gemacht, um jetzt mal so richtig loszuziehen gegen die Goldenen Kälber der Gemeinde und der Gesellschaft überhaupt. Aber das wäre schade, denn der Predigttext macht uns ja nicht direkt zu Zeuginnen und Zeugen dieses Tanzes um das Goldene Kalb, sondern wir nehmen teil am Gespräch Moses mit Gott, wir werden in ein Gebet mit hineingenommen, als würden wir belauschen, was sich diese beiden unter vier Augen anvertrauen, die schon so lange gute Freunde sind. Vor allem erleben wir, was das Gebet gebracht hat: Da gereute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte. Gott wird umgestimmt. Geht das denn, Gott umstimmen? Wie kann Gott etwas bereuen? Aber da sind noch mehr Fragen: Wieso hat er dieses Gebet erhört und meines nicht? Was bringen denn Gebete überhaupt. Es gibt schon seit den 70er Jahren einige geschickt oder auch ungeschickt geplante Modellversuche, um die Wirkung des Gebets zu untersuchen. Das läuft meistens so ab: Ein paar Menschen werden gefragt, ob sie für eine bestimmte Gruppe von Krebspatienten in einer Klinik beten. Daneben gibt es eine zweite Gruppe, für die nicht gebetet wird, und jetzt wird überprüft, ob sich diese Gruppen unterschiedlich entwickeln. Diese Versuche wurden oft gemacht und sind immer unterschiedlich ausgegangen, was an den Details lag. Es ist zum Beispiel wichtig, ob die eine Gruppe weiß, dass für sie gebetet wird oder ob sie es nicht weiß. Ob sie weiß, dass sie überhaupt an einem Versuch teilnimmt, ob die Betenden die Leute kennen oder nicht und und und. Aber alle diese Versuche sind im Grunde genommen völlig überflüssig, denn wir beten ja nicht zu einer Heilsmaschine, sondern zu einer Person, die frei ist zu tun, was sie für richtig hält. Da wir aber nicht wissen, was Gott im Einzelnen für richtig hält, können wir auch nicht die Gebetswirkung daran messen, wie viele Leute für wie viele andere Leute gebetet haben.

Verschärft werden diese Fragen durch den Holocaust. Wenn es Auschwitz geben konnte, was soll dann noch das Beten. Wieso hat Gott da nicht die Gebete erhört. An den Universitäten entstand die Theologie nach Auschwitz, um auf eben diese Fragen Antworten zu finden. Dabei kamen sehr unterschiedliche Antworten zutage, von: Gott hat das so gewollt, bis hin zu: Gott ist tot. Es ist nicht meine Aufgabe an der Kanzel, Ihnen die Vielfalt dieser Antworten der Theologie nach Auschwitz zu referieren, aber klar ist: Nicht immer, aber in der Regel wurde Theologie nach Auschwitz von Leuten gemacht, die selber nicht in Auschwitz waren, sondern die sich sehr intensiv und gewissenhaft mit Auschwitz beschäftigt haben. Das Problem dabei ist nur: Je länger Auschwitz dabei zurücklag, desto mehr wurde Auschwitz zu einem großen, homogenen Granitblock, der sich jeder geschmeidig dahinfließenden Gottesvorstellung unverrückbar in den Weg stellte. Aber dieser Auschwitzblock existiert nur in der Vorstellung, in der Realität war Auschwitz viel differenzierter. Die Erfahrungen der Leute selbst, die in Auschwitz waren, sind differenzierter. Es gab in Auschwitz Menschen, deren Glaube an Gott zerbrochen ist, und Menschen, deren Glauben erstarkt ist. Es gab Hinwendung zum Gebet und Abwendung vom Gebet. Es gab Menschen, die von Gebetserhörungen in Auschwitz geredet haben, ebenso wie andere, die Gott als erloschen wahrgenommen haben. Es gab Verzweiflung über Gott und Hoffnung auf Gott, und es gab auch alles gleichzeitig oder abwechselnd bei ein und demselben Menschen, und das heißt: In Bezug auf den Glauben gab es in Auschwitz das, was es auch bei anderen, viel weniger furchtbaren Ereignissen des Lebens gibt. Das hängt nicht einfach nur an Auschwitz oder anderen, weniger furchtbaren Ereignissen, sondern das ist Sache der Menschen, auf die so ein Ereignis kommt. Es gibt keinen Granitblock Auschwitz, sondern es gibt etwa 8 Millionen individuelle Menschen, die im Holocaust insgesamt ermordet wurden, und deren Erfahrungen, deren Beziehungen zu Gott, waren sehr unterschiedlich. Das heißt für unsere Fragen: Wir kommen nicht weiter, wenn wir nach der Gerechtigkeit Gottes fragen in Bezug auf die Erlebnisse anderer, sondern wir müssen uns darauf beschränken, bei den Ereignissen unseres eigenen Lebens nach der Gerechtigkeit Gottes zu fragen. Es gab Menschen, die in Auschwitz bis zum Tod an Gott geglaubt haben; das mag uns eine Ermutigung sein. Es gab viele, die ihren Glauben dort verloren haben, sogar das kann noch eine Ermutigung sein, aber es entbindet uns nicht von der Pflicht, selbst Antworten für unsere Fragen zu finden, und es nimmt uns nicht das Recht, die Antwort zu finden, die richtig für uns ist, ganz gleich, ob sie zur Theologie nach Auschwitz passt oder nicht.

Wir haben zu Beginn des Gottesdienstes Psalm 88 gebetet, der steht nicht im Gesangbuch. Das ist einer der wenigen Psalmen in der Bibel, der keine Wendung zum besseren kennt. Die meisten Psalmen beginnen klagend, aber dann wechselt die Klage in Dank und Freude. Dieser Psalm nicht. Und genau wie Moses spricht auch der Psalm Gottes Herrlichkeit an. Mose sagt: Sollen die Ägypter sagen, er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt. Der Psalm sagt: Werden denn deine Wunder in der Finsternis erkannt? Das ist kein Spiel, das ist kein Trick der Betenden, dass sie sich sagen: Wenn ich an seinem Stolz kratze, wird er mich erhören, sondern diese Anfragen richten sich an Gottes Plan. Die Anfragen heißen: Passt das, was hier mit mir geschieht, noch zu deinem Plan des Heils für mich oder nicht. Bevor im Vater Unser die Bitte um Brot kommt, kommt die Bitte: Dein Wille geschehe. Die Anfrage der Betenden heißt: Ist es dein Wille oder nicht? Gott hätte die Israeliten auch einfach aus Ägypten nach Palästina beamen und die Kanaaniter in Luft auflösen können. Statt dessen verhandelt er mit dem Pharao, es kommt eine lange Wanderung durch die Wüste, Sie wissen, wie Moses Geschichte weitergeht. Gottes Wille ist immer unser Heil, aber sein Wille löst nicht einfach in Luft auf, was unserem Heil im Weg steht, sondern sein Wille geleitet uns durch diese Welt hindurch, wie sie eben ist, und sie ist eine sündhafte Welt, die Täter und Opfer kennt, schuldhaftes und schuldloses Leid. In Christus hat Gott wahr gemacht, was zuvor nur angedeutet war: Gott setzt sich dieser Welt aus und geht mit uns hindurch wie durch das Rote Meer. Das klingt nach wenig, beim ersten Hören, aber nur, weil wir nicht weit genug sehen. Der Psalm 88 fragt danach: Werden die Verstorbenen aufstehen und dir danken? Ja, das werden sie! Christus führt uns durch bis in die Ewigkeit, wo wir Gott endlich sehen werden, ihn endlich alles fragen können zu den paar Jahrzehnten, die wir in dieser Welt gelebt haben und alles verstehen. Bis dahin braucht Gott unser Vertrauen. Bis er uns alles zeigen, alle Tränen abwischen kann, braucht er unser Durchhalten, und er hält mit uns durch, hält mit uns aus, was wir ihm herausschreien, was wir klagen und rufen. Das ist das Gebet, dass wir in guten und in schlechten Zeiten die Beziehung mit Gott durchhalten, in schönen in furchtbaren Tagen oder Jahren in Verbindung mit ihm bleiben, damit wir Kraft finden zu ändern, was wir ändern können; bei allem, was wir erdulden müssen, immer fragen und bitten: Ist es dein Wille? Und dann vertrauen, Amen sagen, bis Gott Amen sagt zu uns und wir bei ihm sicher sind, absolut sicher und geborgen. Amen.

Psalm 88

HERR, Gott, mein Heiland,
ich schreie Tag und Nacht vor dir.
   Lass mein Gebet vor dich kommen,
   neige deine Ohren zu meinem Schreien.
Denn meine Seele ist übervoll an Leiden,
und mein Leben ist nahe dem Tode.
   Ich bin denen gleich geachtet, die in die Grube fahren,
   ich bin wie ein Mann, der keine Kraft mehr hat.
Ich liege unter den Toten verlassen,
wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen, derer du nicht mehr gedenkst
und die von deiner Hand geschieden sind.
   Du hast mich hinunter in die Grube gelegt,
   in die Finsternis und in die Tiefe.
Dein Grimm drückt mich nieder,
du bedrängst mich mit allen deinen Fluten.
   Meine Freunde hast du mir entfremdet, du hast mich ihnen
   zum Abscheu gemacht. Ich liege gefangen und kann nicht heraus,
mein Auge sehnt sich aus dem Elend. HERR, ich rufe zu dir täglich;
ich breite meine Hände aus zu dir.
   Wirst du an den Toten Wunder tun,
   oder werden die Verstorbenen aufstehen und dir danken?
Wird man im Grabe erzählen deine Güte
und deine Treue bei den Toten?
   Werden denn deine Wunder in der Finsternis erkannt
   oder deine Gerechtigkeit im Lande des Vergessens?
Aber ich schreie zu dir, HERR,
und mein Gebet kommt frühe vor dich:
   Warum verstößt du, HERR, meine Seele
   und verbirgst dein Antlitz vor mir?
Ich bin elend und dem Tode nahe von Jugend auf;
ich erleide deine Schrecken, dass ich fast verzage.
   Dein Grimm geht über mich,
   deine Schrecken vernichten mich.
Sie umgeben mich täglich wie Fluten
und umringen mich allzumal.
   Meine Freunde und Nächsten hast du mir entfremdet,
   und meine Verwandten hältst du fern von mir.
Amen.